Trainingskonzept eines Lipizzaners

Durch einen Zufall wurde ich gebeten, einen Lipizzaner Hengst auf den „Open Days 2002“ des Gestüts Lipica (Slowenien) vorzureiten. Nach der Vorführung bat mich der damalige Direktor des Gestüts, ein Jahr als Praktikantin bei der Ausbildung der Hengste zu helfen.

Die Bereiter waren allesamt älter als 38 Jahre und ich gerade mal 27 Jahre alt. Da ich zu diesem Zeitpunkt bereits eine Bereiterlehre und eine 5-jährige Selbstständigkeit als Betreiberin eines kleinen Pensionsstalls vorzuweisen hatte, war ich neugierig, einen Einblick in die Abläufe des wohl ältesten europäischen Gestüts zu bekommen. So begann ich im November 2002 mit dem Reitlehrer zusammen, die Pferde zu trainieren, die im Regelbetrieb zu kurz kamen. Dazu muss man wissen, dass im November die 4-jährigen Hengste aufgestallt werden und jeder Bereiter einen Junghengst aufnehmen muss. Im Dezember bat mich der Direktor um eine Liste der Pferde, die ich mit meiner Kollegin Irena inzwischen selbstständig trainierte, und musste dabei erschrocken feststellen, dass es 10 Hengste (davon 5 Junghengste, 4-jährig), 2 Wallache und 4 Stuten waren. Diese enorme Anzahl war nur deshalb zu meistern, weil mein Trainingskonzept deutlich anders war als das der Bereiter des Gestüts, die nur 5 Pferde am Tag trainierten. In erster Linie war ich bemüht, Dehnungs- und Haltungsübungen am Boden und im Stand zu üben, um die Pferde vor dem Reiten zu gymnastizieren. Ein effektives Training dauert im Regelfall 25-35 Minuten. Ich möchte hier vor allem auf das Training eines Reithengstes eingehen, der deshalb auf meine Liste kam, weil er als „Praktikantin-Pferd“ schon bei den Bereitern äußerst unbeliebt war.

Neapolitano Canissa, kurz „Canissa“ war ein 7-jähriger Hengst, der sich durch sein unsicheres Auftreten und massiver Antriebslosigkeit sofort zum „schwersten“ Pferd entwickelte. Es war trotz meiner gut trainierten Beine unmöglich, dieses Pferd in ein fleißiges Tempo zu bewegen, mehr als 4 Galoppsprünge waren nicht drin. Laienhaft formuliert kann man ihn als abgestumpft, steif, passiv und triebig bezeichnen. Ich bat den Reitlehrer, mir zu erlauben, dieses Pferd ganz anders aufbauen zu dürfen, als es bisher geschah. Ihm war schon beim gemeinsamen Anreiten der Junghengste aufgefallen, dass meine „Methode“ anders war und er ließ mir bei diesem Hengst nun völlig freie Hand. 8 Wochen stieg ich nicht mehr auf. Es dauerte allein 7 Tage, bis Canissa an der Longe einen fleißigen Schritt gehen konnte. Ich nahm ihn zweimal täglich raus, Trainingszeit (am Boden und an der Longe maximal 30 Minuten), ging mit ihm jedes Mal nach dem Training 5 Minuten spazieren und ließ ihn
nach 6 Tagen Training in der Halle frei laufen. Bei diesem „ersten Mal“ enstand folgendes Foto:

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war für mich schockierend, dass der Hengst auf der Mittellinie bis zur kurzen Seite lief und dann nicht wusste, ob er links oder rechts rum laufen durfte. Ihm fehlte der alles bestimmende Reiter und ich verstand, wie wichtig das Freilaufen für ein Pferd eigentlich ist. Ich habe mir damals im Tagebuch am 16. Tag notiertt: „Heute hat Canissa endlich mal gepupst“. Das mag seltsam klingen, aber ich fand heraus, dass Canissa nur schnauben und pupsen konnte, wenn er still stand. Aus dieser Erkenntnis entwickelten er und ich eine Übungsfolge, die sich als Basis aller unserer Übungen und Lektionen herausstellte. 5 Schritte fleißiger Schritt – stehenbleiben, ausruhen (Pupsen, Schnauben) – 5 Schritte fleißiger Schritt. Lustigerweise war ihm schon nach der zweiten Wiederholung meine Idee klar. Es war jahrelang in permanenten Wiederholungen gearbeitet worden und nun war ihm das so vertraut, dass er mich zum ersten Mal wirklich verstand. Am 25. Tag notierte ich den ersten fleißigen Trab/Halt/fleißigen Trab-Wechsel, der dann mit kräftigem Schnauben erfolgreich und gut war. Nach 45 Tagen entwickelte er enormen Spaß am langsamen Galopp – schnellen Galopp – Halt (Pause, Schnauben, Pupsen) – Galopp Wechsel.

Am 55. Tag stieg ich das erste Mal auf. Der erste Ritt war nach der gewohnten Spaßarbeit an der Longe draußen auf dem Gestütsgelände. Er sah die Stutenherde und wieherte mit aufgewölbten Hals, als würde ersagen: „Mädels, aufgepasst, jetzt komme ich!“ Es war so berührend, wie er mehr Mut und Selbstbewusstsein äußerte. Schon eine Woche später kamen die ersten Touristen, und meine Stuten sollten nun also täglich bis zu 3 Stunden im Gelände Touristen tragen. Canissa war mein Lieblingspferd auf diesen Ausritten, denn er zeigte keinerlei Hengstigkeit, entwickelte eine enorme Aufmerksamkeit, und als eine der Stuten sich eines Tages erschrak und aus Versehen an uns vorbei schoss, gab er einen ruhigen Rufton von sich und die Stute blieb stehen und ließ sich wieder einreihen. Er stand brav im Stall, in dem die Touristen bei der Gestütsbesichtigung durchgeführt wurden, und wenn ich ihn zur Arbeit auf den Hof vor den Stallungen stellte, dann wieherte er in Hengstpose den Stuten zu, ohne dabei außer Kontrolle zu geraten. Jedes Mal wurden viele Fotoapparate gezückt und er genoss die Bewunderung. Auch wenn das Jahr in Lipica für mich sehr arbeitsreich und lehrreich war, ist es Canissa, dem ich die schönsten Erinnerungen verdanke.




Adriana Ludewig, Tierheilpraktikerin (i.A.)